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16.11.2011

Mit Telepathie in die Katzenseele

Erschienen in der Basler Zeitung am 16.11.2011


Autor: Thomas Wyss

Tierkommunikatoren sagen, sie könnten via Telepathie einen Dialog zwischen Haustier und Mensch herstellen. Ein Versuch mit Büsi Strifeli förderte Verblüffendes zutage.

 

Wenn der Goldhamster mal null Bock hat auf das Laufrad oder die Katze sich motzend durch die Tonleiter miaut, ist das noch kein Grund zur Besorgnis. Auch Tiere haben ab und zu einen Hangover. Heikler wirds, wenn die kleinen Freunde nachhaltig verhaltensauffällig werden. Wenn der Hamster also sein Rad kaputt macht oder die Katze plötzlich nicht mehr motzt, dafür aber in jedem Zimmer die Tapete herunterreisst.

Legen Menschen ein vergleichbares Verhalten an den Tag, werden sie zum Seelendoktor verfrachtet. Bei Haustieren, glaubte der Schreibende, ist das nicht möglich, nur schon der Sprachbarriere wegen: Man kann ja nicht einfach rasch nachfragen, wo denn der Schuh beziehungsweise das Pfötchen drückt. Doch, das kann man sehr wohl, meldet das Internet auf die gegoogelte Frage «Mit Tier reden möglich?» - wenn man etwas Geld und den richtigen Kontakt hat. Der Erstgedanke: Soso, Mike Shivas gibts also auch im Tierreich. Doch dann obsiegt die Neugier, und frei nach dem Motto «Nützts nüt, so schadts nüt» wird entschieden, das Angebot zu testen.

Wir alle machen Telepathie

Jene, welche diesen Service anbieten, nennen sich Tierkommunikatoren. Oder genauer: Tierkommunikatorinnen ... es sind nämlich fast ausnahmslos Frauen. Im Jahr 2005, ergibt die Recherche, waren es schweizweit 2000, neuere Zahlen liegen nicht vor. Dafür verraten Online-kommentare, dass eine gewisse Helen Gerber Sirin zu den bekanntesten des Landes gehört. Gemäss Homepage lebt die 54-Jährige im bernischen Zimmerwald und arbeitet seit 1998 als vollberufliche Tierkommunikatorin und Lehrerin für Tierkommunikation.

Ebenfalls auf ihrer Homepage ist das Prozedere erklärt, vier Dinge stechen ins Auge: Frau Gerber schreibt, dass a) alle Geschöpfe telepathisch kommunizieren, dass man sich b) eine telepathische Konsultation wie ein Zwiegespräch mit dem Tier vorstellen muss, bei dem man Einblick in die Gefühle, Gedanken, Wünsche und Absichten des Tiers erhält, dass sie c) als Telepathin nur als eine Art Übersetzerin zwischen Tier und Mensch fungiere und dass d) eine solche Konsultation in der Regel telefonisch stattfinde. So weit, so gut. Nun braucht es natürlich noch ein Versuchskaninchen.

Niedliche Macken

Ein Meister Lampe ist zwar nicht aufzutreiben, doch das ist nicht weiter schlimm, weil sich mit Strifeli* ein geradezu optimal passendes Büsi zur Verfügung stellt. Optimal, weil die Katze oft und ausführlich plaudert, meist gut drauf ist und weil ihre «Macken» in die Kategorie «niedlich» gehören: Strifeli zerfetzt nämlich fürs Leben gern Kartonschachteln (und zwar immer zuerst die Ecken); des Weiteren betrachtet sie stoisch und stundenlang den tropfenden Wasserhahn.

Zwei Telefonate, und der Gesprächstermin steht. Zu Beginn der Konsultation - der Handapparat wird dabei zur Freisprechanlage - fragt Frau Gerber nach Abstammung (Bauernhofkatze), Alter (zweieinhalb) und Lebensraum (Wohnung) der süssen Probandin. Ebenfalls wichtig ist, dass im selben Haushalt noch Strifelis Wurfbruder Mautzer* lebt. Dann sagt Frau Gerber, sie werde nun mit dem Büsi telepathisch in Kontakt treten und dieses nach dem Befinden befragen. Kaum legt sie los, wird ihre Stimme sonor und klingt irgendwie unheimlich: «Strifeli sagt mir, sie werde geliebt und verwöhnt und fühle sich eigentlich sehr wohl. Da sie klein sei, habe sie manchmal Mühe, sich gegen ihren stärkeren Bruder zur Wehr zu setzen. Und sie sagt mir auch, dieser sei manchmal traurig, sogar wütend, denn er wolle raus, raus in die Natur, er brauche Auslauf, das würden die Menschen nicht verstehen, er werde manchmal fast verrückt in der Wohnung. Und wenn er so unzufrieden sei, sagt Strifeli, sei er streitsüchtig, und das bekomme sie dann zu spüren. Aber sonst sei sie zufrieden.»

Frau Gerber legt eine Pause ein und fragt, ob Strifelis Aussagen nachvollziehbar seien. Sie sind nicht nur nachvollziehbar, sie sind ziemlich erstaunlich, vor allem der Punkt mit dem Streit. Kann es echt sein, dass die kleine Katze mit der Frau Gerber telepathiert hat? Zeit, darüber zu sinnieren, bleibt keine, die Uhr tickt, das Kässeli klimpert. Jetzt, sagt die Kommunikatorin, könne man dem Büsi Fragen stellen. Also: Wieso frisst du Karton, Strifeli? Und was ist so faszinierend an einem tropfenden Wasserhahn? Frau Gerber leitet das weiter, die Antworten kommen sofort: «Sie sagt, das Zerstückeln des Kartons sei für sie ein Spiel, sie hätte natürlich lieber eine lebendige Maus, aber weil es die nicht gebe, nehme sie halt mit den Schachteln vorlieb.» Leuchtet ein, kommen wir zum Wasser, Frau Gerber hat wieder das Wort: «Der tropfende Hahn, sagt Strifeli, sei für sie ein Ersatz für die Natur, für Schmetterlinge, Pflanzen oder Pfützen, die sie drinnen entbehren müsse.»

Die Kleine redet zu viel

Kurz darauf parliert Helen Gerber Sirin auch noch mit Mautzer. Der bestätigt die Aussagen seiner Schwester, fügt aber laut Frau Gerber hinzu, dass ihn die Kleine manchmal ein wenig nerve, weil sie immer so viel rede. Dann legt er die Ohren zurück und beisst in den Telefonhörer. Als die Sitzung vorbei ist, empfiehlt Frau Gerber noch ein paar Bücher, die helfen sollen, Katzen besser zu verstehen. Dann verabschiedet sie sich. Das Gespräch hat 23 Minuten gedauert. Die ersten 15 kosten pauschal 60 Franken, jede weitere Minute 3 Franken. Ein stolzer Preis.

Hat er sich gelohnt? Dass auch Hauskatzen lieber draussen wären, liegt auf der Hand; ebenso, dass sie gern eine echte Maus zum Spielen hätten und in Pfützen herumtollen würden. Hat die erfahrene Tierkommunikatorin bloss gut spekuliert? Ihre ethisch-moralische Haltung als Tierfreundin vermittelt? Gleichwohl bleibt da eine Verblüffung zurück. Woher weiss sie, dass Mautzer ein seidiges und glänzendes Fell hat? Dass Strifeli oft viel trinkt? Nun, es gibt wohl einfach Dinge zwischen Himmel und Erde, die wird der profane Mensch nie begreifen - und vielleicht ist das ja gar nicht allzu schlecht.

* Die richtigen Namen der beiden Katzen sind der Redaktion bekannt.
(Tages-Anzeiger)