< Also sprach das Meerschweinchen - über Tierkommunikation
06.02.2006

WER WOHNT DA? Verspielte Gemütlichkeit

Erschienen in der NZZ Folio 02/2006.


Eine ehemalige Lehrerin? Eine Kochbuchautorin mit einer guten Dosis Eigensinn?
Wen ein Psychologe und eine Innenarchitektin anhand der Fotos in diesen Räumen vermuten.

 

Der Psychologe


Mit dieser Behausung, einem alten Bauernhausteil, hat sich, so vermutet man, jemand einen Wunsch erfüllt. Ob die Erfüllung solcher Wünsche auch viel später noch Wohlbehagen erzeugt? Ja, dieses Gefühl hat man hier, wahrscheinlich weil eine gute Dosis Eigensinn der Bewohnerin immer wieder dafür sorgt. Die nicht mehr ganz junge Frau ist aufs Land gezogen und hat von der ehemaligen Bleibe ihre schönsten Sachen mitgenommen. Sie lebt meistens alleine und ist wahrscheinlich nicht mehr in ihrem früheren Beruf (Lehrerin? Sozialarbeiterin? Pflegeberuf?) tätig. Jetzt schreibt sie Kochrezepte, Tier-, Kinder- oder Naturgeschichten.
Tiere hars jede Menge, in vivo und in plüscho - sie weisen auf eine gut erhaltene Verspieltheit, wenn nicht gar Kindlichkeit der Bewohnerin hin. Die Einrichtung der Wohnung widerspiegelt die Vorstellungswelt der Bewohnerin, sie erlaubt ihr ein Leben ganz nach ihren Vorsätzen. Alles Moderne bleibt draussen, drinnen will sie nur bei sich sein. Solche Zurückgezogenheit schliesst allerdings gelegentliche Gastfreundlichkeit nicht aus, wie der einladend gedeckte Tisch zeigt. Mit den Nachbarn versteht sie sich gut, will aber, wenn ihr Gefühl es so will, auch immer wieder in Ruhe gelassen werden, möchte dann lesen, ihre Gedanken und Phantasien vor sich hintreiben lassen. Das ist dann ihre Welt, sozusagen «DieWelt alsWille und Vorstellung ». Und die vielen Tiere? Vielleicht sollen sie den Gegensatz zur Bewohnerin markieren, wie dies Schopenhauer schon erkannt hatte: «In solchem Thun dieser Thiere ist doch offenbar, wie in ihrem übrigen Thun, der Wille thätig: aber er ist in blinder Thätigkeit, die zwar von Erkenntniss begleitet, aber nicht von ihr geleitet ist.»

Berthold Rothschild

 

Die Innenarchitektin


Hier hat sich der Bewohner entschieden, die Neutralität einer Wohnung mit weissen Wänden zu verlassen. Räume mit starkem Charakter sind inspirierend, aber nicht immer einfach zu bespielen. Die Wohnung besteht offensichtlich aus einem alten und einem neuen Teil. Augenfällig ist dabei der Qualitätsunterschied der Substanz, sowohl baulich wie stimmungsmässig. Das ursprünglich belassene Schlafzimmer ist urchig, aber gemütlich. Eine hölzerne Höhle und genauso beleuchtet. Hier möchte man gerne Zeit haben, mit einem Büsi im Schoss in Klausur zu gehen und zu lesen.

Holz alleine ist aber nicht a priori heimelig. Das sieht man im neu renovierten und umgebauten Teil der Wohnung. Dieser Teil empfindet wenig subtil eine rustikale Stimmung nach und wirkt in seiner Ausführung grob und schematisch. Die Wahl der Holzqualität und die Detaillierung von Täfer, Boden und Decke miefen nach 08/15. Umso wichtiger wäre hier eine stringente Einrichtungsidee. Eine Möglichkeit ist die im Esszimmer angedeutete Biedermeierromantik oder die Bauernstuben- Chaletstimmung des Schlafzimmers; oder andersrum eine formal minimale, aber im Material ausdrucksstarke Möbelauswahl. So, wie sich die Wohnung präsentiert, ist die Absicht aber unentschlossen. Im Ansatz herzig dekoriert, dann wiederum spartanisch. Einzelne schöne Stücke, wie der grossformatige Orientteppich oder das Geschirr mit Streublümchen und Goldrand, andererseits Pragmatismus ohne besonderen Anspruch.

Fazit: Plüschtiere können trösten, aber sie retten noch kein Interieur.

Jasmin Grego

 

Helen Gerber Sirin, Tierkommunikatorin


Ich lebe mit elf Katzen, zwei Hunden, drei Pferden und zwei Enten zusammen. Die Hasen und Meerschweinchen sind kürzlich von streunenden Hunden ermordet worden. Es war Mord. Sie wurden nicht gegessen, nur totgebissen. Tiere sind für mich kein Menschenersatz. ich versuche sie als Tiere leben zu lassen, ihrer Natur gerecht zu werden. Einsam bin ich nicht. Ich habe mich in die Ruhe zurückgezogen, nicht in die Einsamkeit.
In zehn Minuten bin ich in der Stadt Bem, das Telefon läutet pausenlos.


Dies hier ist mein Paradies: Ein Bauernhaus, ein Speicher, ein Hühnerhaus, ein Entenhaus. ein Gemüsegarten und Pferdestall - das ist riesig für mich allein. Aufgewachsen bin ich bei meinen Großeltern in Ostermundigen in einem Einfamilienhaus mit Garten. Später hat mich meine Mutter dort weggeholt, und ich wohnte in Mietblöcken. Ich hatte keine einfache Kindheit. Tiere haben mir schon damals zu überleben geholfen. Ich muss vier Jahre alt gewesen sein, als ich das erste Mal den Wunsch verspürte, so zu leben, wie ich heute lebe. Aus einer Stadtwohnung hinaus aufs Land zu ziehen, ist für den Körper ein Schock. Im ersten Winter ist es sehr kalt. Manchmal mache ich morgens das Cheminee an. Ich habe aber auch Zentralheizung, die liess ich vor drei Jahren einbauen, als ich hier einzog. Das Haus wurde 1705 gebaut. Es war 300 Jahre in Familienbesitz. Schon bevor ich es sah, wusste ich: Das ist mein Haus. Es hatte kein Bad, die Küche war klein, es war rundum renovierungsbedürftig.

Als ich einzog, war ich noch verheiratet - mit einem 22 Jahre jüngeren Mann. Ich wollte eigentlich nie heiraten, aber er war die grosse Liebe. Unter der Trennung litt ich fürchterlich. Ob überhaupt ein Mann mit mir zusammenleben könnte? Da ich Zugang zu einer eigenen Welt habe, fühlt sich ein Mann sicher schnell ausgegrenzt. Früher arbeitete ich als Oberschwester am Inselspital in Bern. Von einem Tag auf den andern stieg ich aus. Ich reiste drei Wochen alleine durch Amerika, schaute den Himmel an, diesen endlosen Raum, und fragte mich, ob ich so weiterleben möchte wie bisher. Zurück in derSchweiz, habe ich gekündigt und im Tierspital als Tierpflegerin begonnen. Als ich eines Tages ein Buch über Tierkommunikation las, wusste ich sofort: das ist meine Aufgabe. Ich ging nach Amerika und lernte es. Telepathie ist allen gegeben, man muss dafür keine besondere Fähigkeit mitbringen, man muss sich nur darauf einlassen wollen. AlleWesen: Bäume, Wasser, Tiere, Menschen, Babies kommunizieren. Alles ist am Reden - man muss nur darauf achten. Es herrscht ein ständiger Kornmunikationsfluss, es ist das Internet auf spiritueller Ebene, wenn man sich einlo ggt, ist man online. Beruflich unterhalte ich mich aber nur mitTieren. Ob es auch welche gibt, die nicht reden wollen? Die wollen alle. Hier in Winzemied in der Region Zimmerwald leben etwa zehn Familien. Ich habe guten Kontakt mit den Nachbarn, mit meinem Umfeld. Ich bin ja auch bodenständig und missioniere nicht, rede nicht nur von Licht und so. Völlig zu verkauzen, fände ich schrecklich. Nein, ich achte auf mich und habe Freude an schönen Dingen. Es sind jeden TagLeute bei mir. Da ich zu Hause arbeite, stört mich das, weil es mich von der Arbeit abhält. Aber besser so als anders. Im Scherz sage ich oft:Wenn ich im Stall von der Leiter fallen würde, würde ich nicht lange unentdeckt bleiben.


Am liebsten sitze ich am Esstisch, an dem ich auch oft arbeite. Mein Wohnzirnmer ist noch immer nicht richtig eingerichtet. In meinem Büro stört mich die Decke, aber ich hatte einfach kein Geld mehr für weitere Umbauten. Das Plüschtier sitzt auf dem Fax, damit die Katzen nicht auf das Gerät springen und Knöpfe drücken. Aber neben den praktischen Gründen liegt der Plüschdachs sicher auch wegen meines gut entwickelten
Kinder- Ichs dort, das ist neugierig, aufgeschlossen und unternehmungslustig. Das Schlafzimmer ist eines meiner Lieblingszirnrner und irgendwie ein Teil von mir, obwohl ich dort kaum übernachte, weil es zu kalt ist. Ich schlafe im Erdgeschoss. Ob es den Tieren hier gefallt? Fragen Sie sie. Mir jedenfalls gefällt es so gut, dass man mich mit den Füssen voran hinaustragen muss, von alleine geh ich hier nicht mehr weg.»

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

 


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