< «Mit Tieren reden» wird zum Boom
10.06.2005

«Tierkommunikatoren sind Übersetzer»

Erschienen in der Tierwelt am 10.06.2005.


Tierkommunikatoren brauchen mehr als nur telepathische Kräfte. Sie müssen empfangene Gedanken, Bilder oder Gefühle in eine menschliche Sprache übersetzen, ohne zu vermenschlichen. Solide Tierkenntnisse helfen ihnen, die tierischen «Gesprächspartner» besser zu verstehen.
Angenommen, die Tiertelepathie funktioniert und die Information eines fernen Wesens gelangt ins Bewusstsein einer Tierkommunikatorin: ein Bild, ein Eindruck eines Gefühls, oder vielleicht ein gedanklicher Vorgang. Das Bewusstsein der Tierkommunikatorin muss nun die empfangene Information verarbeiten und deuten. Wie jeder nachvollziehen kann, der schon einmal ein vages Gefühl in Worte zu fassen versucht hat, ist das keine so leichte Aufgabe. Erst recht nicht, wenn es um Tiere geht, die je nach ihrer Art in einer ganz anderen Welt leben und ihre Umwelt ganz anders wahrnehmen als ein Mensch.

Nicht vermenschlichen


Der Verhaltensforscher Marc Bekoff von der Universität Colorado USA ist froh um die zunehmende Offenheit von Wissenschaft und Gesellschaft gegenüber den Empfindungen von Tieren. Heimtierhalter, aber auch Forscher wissen längst, dass Tiere genau wie wir empfindungsfähige Wesen sind, die eine Seele, Persönlichkeit und Gefühle haben. Marc Bekoff, der auch ein Buch über die Emotionen von Tieren geschrieben hat, weist aber auf die-grossen-Schwierigkeiten-hin-Tiere-wirklich-so-zu-verstehen,-wie-sie-sind. «Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Tier, aber es gibt auch viele Unterschiede zwischen allen Tierarten, inklusive des Menschen. Tiere sind nicht einfach anders gestaltete Menschen.» Tierkommunikatoren müssten sehr vorsichtig sein, damit sie nicht zu viel in Tiere hineininterpretieren. Das Bewusstsein der Tiere ist zum Beispiel nicht wie unseres an eine Wortsprache geknüpft. Manche Tierkommunikatoren empfangen aber Wortbotschaften. Erfolgt bei ihnen die Übersetzung vielleicht schon vor-bewusst?

 

Tierkenntnisse sind wichtig


Solide Tierkenntnisse helfen auf jeden Fall, die tierischen «Gesprächspartner» besser zu verstehen. Eine eigentliche Beratung zum Umgang mit dem Tier sollten Kunden aber von der Kommunikatorin nicht erwarten. «Tierkommunikatoren sind Übersetzer, nicht Berater» stellt die erfahrene Tierkommunikatorin Helen Gerber klar. «Wenn ein Papagei nur leckere Sonnenblumenkerne will, müsste sein Halter wissen, dass das nicht gut für das Tier ist.» Natürlich kommt es vor, dass Heimtierhalter unwissentlich Fehler machen, und da wäre es gut, wenn die Tierkommunikatorin auf das Problem hinweisen könnte. «Ständige Weiterbildung über Tierverhalten und Tierhaltung-ist-ein-Muss»,-meint-Helen-Gerber. Die Tierkommunikationslehre ist ein spirituelles, kein naturkundliches Fach. Gelegentlich driftet sie stärker ins Esoterische ab. In der einschlägigen Literatur ist etwa von Reinkarnation die Rede, und viele Tierkommunikatoren geben an, mit verstorbenen Tieren ebenso gut kommunizieren zu können wie mit lebenden. Manchmal wird angekündigt, dass ein verstorbenes Heimtier reinkarniere und in anderer Gestalt wieder auf die Erde käme. Solche-Aussagen-können-uneingeweihte-Trauernde-ziemlich-verstören. Wer sich mit dem Reinkarnationsgedanken nicht wohl fühlt, kann sich damit trösten, dass das Ganze Glaubenssache ist. Es gibt keine Beweise dafür und es bestehen durchaus Logiklücken. Wer daran glaubt, hat sich mit heiklen Fragen zu beschäftigen: Begegnen uns die verstorbenen Wesen und Angehörigen in unterschiedlicher Gestalt immer wieder? Warten sie im Regenbogenland auf uns oder kommen sie zu anderen Partnern zurück, um eine andere Aufgabe zu erfüllen?

 

Wie lernt man das?


Man müsse da selber «drin» sein, erklären Tierkommunikatoren, um die Tiertelepathie wirklich zu verstehen. Interessierte finden über Bücher und Kurse von Tierkommunikatoren heraus, worum es geht. Obwohl es heisst, dass jeder Mensch die Telepathie lernen könne, kann das Talent dafür schon ziemlich unterschiedlich ausgeprägt sein. Interessanterweise scheint das auch bei Tieren so: Lernende und praktizierende Tierkommunikatoren berichten immer wieder, dass einige tierische Individuen viel «gesprächiger» seien als andere. Zumindest Anfänger haben es schwer, die von einem Tier ausgehende Information von ihren eigenen Eingebungen zu trennen. «Es kommt kein zündender Geistesblitz oder irgendein besonderes Gefühl. Es fühlt sich alles ganz normal an», erzählt etwa Monika H. aus Deutschland. Meditation soll hilfreich sein, denn dabei wird der Kopf ganz frei von eigenen Gedanken gemacht, die man versehentlich für telepathisch empfangene Botschaften halten könnte. Anfängern wird auch empfohlen, zuerst mit einem fremden Tier zu üben und über dessen Halter zu ermitteln, was tatsächlich stimmt.


Gefühlvolle Arbeit


Die telepathische Tierkommunikation beruht auf viel Feingefühl. Doch um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, soll auch das Denken nicht zu kurz kommen. Ideal ist, wenn verstandes- und gefühlsgeprägte «Lehren» Hand in Hand arbeiten und sich gegenseitig ergänzen können. Einzelne Tierkommunikatoren arbeiten bereits eng mit Schulmedizinern zusammen. Nach Helen Gerbers Erfahrung gibt es unter Tierärzten die ganze Bandbreite von Meinungen zur Tierkommunikation: ablehnende bis vorsichtige Kritik, bissigen Spott, Zustimmung, und sogar das-Interesse,-diese-Fähigkeit-selber-zu-lernen.

 

Esther-Wullschleger-Schättin