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03.06.2005

«Mit Tieren reden» wird zum Boom

Erschienen in der Tierwelt am 03.06.2005.


Die Vorstellung, mitTieren «reden» zu können, übt grosse Faszination auf Tierfreunde und Heimtierhalter aus. Seit einigen Jah-ren gibt es sogar beruflich tätige Tierkommunikatoren, die mit Tieren durchTelepathie Kontakt aufnehmen. Sie stossen mit ihrer spirituellen Tätigkeit offenbar auf reges Interesse.


Telepathie heisst übersetzt ungefähr «Fern-Wahrnehmen». Egal wo auf der Erde sich ein Tier oder ein Mensch gerade befindet, Geistheiler und Telepathen können sich anscheinend in dieses Wesen hineinfühlen, mit ihm kommunizieren oder seine Befindlichkeit wahrnehmen. Einige erklären, den Schmerz eines kranken Tieres im eigenen Körper zu spüren. Oder sie «sprechen» auf diesem Wege mit einem Tier, unterhalten sich mit ihm über seine Wünsche und Nöte. Dabei benötigen diese Menschen nur ein Bild oder ein paar kurze Angaben zum jeweiligen Wesen, mit welchem sie Kontakt aufnehmen sollen. Kann das denn funktionieren?

Skeptische Wissenschaft


Im Gegensatz zu anderen erstaunlichen Fähigkeiten von Tier und Mensch hat sich die Telepathie bis heute weit gehend einer genaueren wissenschaftlichen Untersuchung widersetzt. Während sich nur wenige, von den offiziellen Universitäten meist unabhängige Forscher mit solchen Phänomenen befassen, hat das wissenschaftliche Establishment der Telepathie gegenüber grösstenteils Vorbehalte. Skepsis verursacht nebst dem schwierigen Nachweis vor allem die Tatsache, dass noch kein Mechanismus bekannt ist, mit welchem man erklären könnte, wie eine solche geistige Fernwirkung zu Stande käme. Die privaten Meinungen von Wissenschaftlern zum Thema Telepathie seien ziemlich unterschiedlich, meint Rupert Sheldrake, der sich als erster Forscher mit dem Phänomen der Tiertelepathie auseinander gesetzt hat. «Doch viele schrecken davor zurück, öffentlich positiv über die Telepathie zu sprechen.»

Reden mit dem eigenen Tier


Dabei scheint das Interesse in der Bevölkerung gross - vor allem wenn es darum geht, möglicherweise mit dem eigenen Tier mittels Telepathie «reden» zu können. Immer mehr Menschen lassen sich durch die spirituellen Bücher von tiertelepathisch tätigen Pionierinnen wie Penelope Smith oder Amelia Kinkade begeistern. Es hat sich eine eigentliche Branche entwickelt, die sich «Tierkommunikation» nennt - obwohl Tiere natürlich auch auf herkömmliche Art, durch Verhaltensweisen und Laute, miteinander kommunizieren.

Tierkommunikation boomt


Dabei begann alles sehr verschämt und zögerlich. Als eine der Ersten in der Schweiz hat sich die ehemalige Veterinärstudentin und Krankenschwester Helen Gerber aus Bern mit der Tiertelepathie befasst. Vor sieben Jahren bekam sie von einer Bekannten ein Buch in die Hand gedrückt, «Gespräche mit Tieren» von der amerikanischen Tierkommunikatorin Penelope Smith. «Entweder ist es Betrug oder es ist das, was ich schon immer wollte», dachte sich Helen Gerber und reiste unverzüglich in die USA, um einen Kurs bei Penelope Smith zu besuchen. Zu ihrer Freude, so sagt sie, klappte es schon während des ersten Kurses, telepathische Botschaften-von-ihren-Tieren-zu-Hause-zu-empfangen. Helen Gerber begann zu Hause mit den eigenen Tieren und denjenigen von engeren Bekannten zu «sprechen». Nachdem eine Regionalzeitung über ihre ungewöhnliche Tätigkeit berichtete, bekam sie immer mehr Anfragen von Fremden, die eine Kommunikation mit ihrem Tier wünschten. So besuchte sie Fortbildungskurse, verminderte ihre bisherige berufliche Tätigkeit und begann schliesslich, von Penelope Smith zur Lehrerin ausgebildet, selber Tierkommunikationskurse anzubieten. In wenigen Jahren hat sich die Tierkommunikation zu einem eigentlichen Boom entwickelt. Heute gibt es allein in der Schweiz Dutzende von Tierkommunikatoren, die mit ihrem Angebot auf grosses Interesse stossen. «Heute kann man offen darüber reden», freut sich Helen Gerber, «auch wenn andere Leute glauben, das gebe es alles nicht.» Am Anfang hatte sie sich mit der Tiertelepathie völlig allein gefühlt. Der Boom brachte aber auch Nachteile: Es herrscht mittlerweile Wildwuchs in diesem spirituellen Zweig, und nicht alle selbst ernannten Tierkommunikatoren arbeiten seriös.

SensibleTierfreunde

Kurioserweise scheint es unter den Tierkommunikatoren keine Biologen und nur wenige Tierpsychologinnen zu geben, die das Leben und Verhalten von Tieren berufsmässig studiert hätten. Tierkommunikatoren sind vor allem sensible Tierfreunde, die ihre Tierliebe nicht in jedem Fall zum Beruf gemacht hatten. Auffallend viele sind in ländlicher Umgebung mit zahlreichen Tieren aufgewachsen, wo sie seit der Kindheit grosse Sensibilität im Umgang-mit-Tieren-entwickeln-konnten. Die weit meisten Tierkommunikatoren sind Frauen. Sie stammen aus ganz verschiedenen Berufen, wobei Heilberufe stark vertreten sind. Andere sind mehr esoterischen Richtungen zugeneigt.


Sprung ins kalte Wasser

Die Hundehalterin Jolanda Wymann war über ein Inserat zu einer Tierkommunikatorin gekommen, mit der Absicht, ihre sensible, verschlossene Hündin Navy besser zu verstehen. Sie hatte sich auf ein ansprechendes Inserat in einer Hundezeitschrift hin gemeldet, ohne Vorkenntnisse und ohne eine Empfehlung. Jolanda Wymann bezeichnet sich keineswegs als leichtgläubig, ist aber offen für Neues: «Ich schaue, wie es auf mich wirkt, ob es für mich stimmt.» Die feinfühlige Kommunikation fand sie überzeugend, und sie hat unterdessen auch einen Tierkommunikationskurs besucht, um ihre eigene Intuition zu schulen.
Esther Wullschleger Schättin