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01.01.2001

Die mit Tieren sprechen ...

Erschienen in der WesternPferdeJournal 01/2001.


Vom heiligen Franz von Assisi wird gesagt, daß er mit Vögeln und anderen Tieren redete. Aber man muß kein Heiliger sein, um mit Tieren kommunizieren zu können. Viele Hunde- oder Katzenhalter. die zu ihren Vierbeinern eine enge Bindung aufgebaut haben, sind davon überzeugt, daß ihre Tiere manchmal ihre Gedanken" lesen cc können. Reiter berichten von Pferden, die, sobald ihr  Besitzer an einen Wechsel der Gangart denkt, diesen ausführen ohne daß sie vom Menschen verbal oder durch Körpersprache einen entsprechenden Befehl bekommen haben.

 

Des Rätsels Lösung: Jedem gesprochenen Wort liegt ein Gedanke zugrunde. Gedanken sind Energie. Energie ist Schwingung. Voraussetzung dafür, daß die Botschaft beim Empfänger ankommt, ist allerdings, daß dieser seine Antenne auf "Empfang" geschaltet hat.

Die Schweizerin Helen Gerber hat aus ihrer Fähigkeit, mit Tieren mental Kontakt aufzunehmen, einen Beruf gemacht: Sie ist Trainerin für Tierkommunikation. Ihr Wissen verdankt sie der Amerikanerin Penelope Smith, einer Pionierin auf diesem Gebiet. Diese hat zu diesem Thema ein viel beachtetes Buch geschrieben. "Gespräche mit Tieren", welches inzwischen in acht Sprachen übersetzt worden ist. Nach dem Kurs bei Smith und Erfahrungen mit ihren eigenen Tieren, einem Hund und einer schwierig zu handhabenden Stute, stand für sie fest, daß über telepathische Kommunikation auch Probleme zwischen Mensch und Tier gelöst werden können. Ihre Arbeit sieht Gerber als Ergänzung zu den klassischen Formen des Umgangs mit Tieren: "Es ersetzt keinesfalls den Tierarztbesuch. Ich kann Menschen vielleicht helfen zu verstehen, wie sich ihr Tier fühlt oder was es wahrnimmt, aber Diagnose und Behandlung gehören in die Hände einer tierärztlichen Fachperson."

 

In der Praxis

Im Reitzentrum Finca Verde aufTeneriffa, dessen Schweizer Besitzer auf der Grundlage des natürlichen Reitens nach Fred Rai arbeiten und unterrichten, sind 22 Tierfreunde versammelt, die einen Einführungskurs bei Helen Gerber gebucht haben. Fast alle besitzen eigene Pferde, dazu Hunde und/oder Katzen. Die meisten sind gekommen, weil sie ihre Tiere besser verstehen wollen, teilweise auch konkrete Probleme mit ihnen haben, die auf herkömmliche Weise offensichtlich nicht zu lösen sind. Andere haben beruflich mit Tieren zu tun, wollen etwas dazulernen, Jeder ist gespannt auf den ersten Dialog, Doch die 44jährige stellt klar: Zunächst stehen einige Trockenübungen auf dem Programm: Deren Zweck sei es, in Gegenwart eines Tieres still und ruhig zu werden, um die Fähigkeit zur Beobachtung, zum Fühlen und Empfangen zu steigern, Geduld
sei bei dieser Arbeit das A und 0.

 

"Zuhören"

In Zweierteams wird das Zuhören geübt. Einer erzählt, der andere hört zu - ohne das Gehörte zu kommentieren, Dann wird gewechseIt ..Wo hat mich ein Tier beeindruckt, wo habe ich ein Tier beeindruckt?, lautet dabei die Frage. Die überraschende Erkenntnis: Es gibt viele Beispiele der Kommunikation, mehr als jedem vorher bewußt war. Die nächste Übung dient dazu, ein Gefühl für die nonverbale Kommunikation zu entwickeln. Wir senden uns gegenseitig Farben und dann Bilder - ohne den anderen im Vorfeld darüber zu informieren, über welche es handelt. Die Trefferquote ist verblüffend hoch, Als nächstes wird jeder aufgefordert, sich in ein Tier seiner Wahl hineinzuversetzen, es zu beobachten und die Gefühle wahrzunehmen, die dabei entstehen, ohne und darauf legt die ehemalige Krankenhaus-Oberschwester und Tierpflegerin an einer TierkJinik großen Wert - die dabei erfahrenden Empfindungen zu werten.

 

Telepathische Ergänzung

In einer Fragerunde nimmt Gerber zu den Möglichkeiten und Grenzen der telepathischen, das heißt heißt mentalen Tierkommunikation Stellung. "Diese Fähigkeit zu besitzen heißt nicht, daß ich ein Pferd nur telepathisch reiten kann. Ein Pferd ist in erster Linie ein Pferd und will als Pferd behandelt werden",so Gerber, die 1998 eine Ausbildung in derT.E.A.M.-Methode für Pferde unter Linda Tellington Jones absolviert hat. "Die telepathische Kommunikation mit ihm ist eine Ergänzung, quasi eine zweite Ebene." Auf die Frage einer TeiJnehmerin, wie sie die Botschaften der Tiere übermittelt erhalte, antwortet Gerber: "Sie kommen wie Einfälle." Die Art und Weise sei jedoch bei jedem Menschen anders, "Sie kann sich in Gefühlen, Bildern, Eindrücken, Gedanken oder einfach Wissen ausdrücken." Um diese erhalten zu können, müßten die Menschen einige Regieanweisungen beachten: vor der Sitzung Verzicht auf Nikotin und Alkohol, sich Zeit nehmen, den Kopf frei machen, loslassen, das Herz aufmachen, gleichmäßig atmen, die Augen weich werden lassen, mit den Tieren bewußt Kontakt aufnehmen, sie jedoch nicht anstarren (empfinden diese als unangenehm; weil es eine Dominanzgebärde darstellt) und dann unvoreingenommen zuhören.

"Sollten Tiere euch unverwandt ansehen, dann senden sie keine Gedanken, sondern Energie." Wichtig sei es auch, den Tieren Zeit zu lassen. Schließlich würden sie nicht jeden Tag mit Menschen konfrontiert, die sich mit ihnen mental unterhalten wollten. "Vermeidet zu starke Emotionen", lautet ein weiterer Rat, "sonst kann es zu Mißverständnissen kommen".

 

Mit den Tieren

Dann geht es an die praktische Umsetzung. Wir treffen uns beim Sattelplatz, dem ein Sandplatz angeschlossen ist. Auf ihm stehen mehrere Pferde, die neugierig die sich nähernde Gruppe betrachten. Die vorhandene Umzäunung erzeugt einen Abstand zwischen Mensch und Tier, der, laut Gerber, die bevorstehende Arbeit positiv beeinflußt. Denn der Wunsch, vielleicht ein Leckerli oder Streicheleinheiten ergattern zu können, tritt so bei den Tieren in den Hintergrund. Helen Gerber fordert jeden auf, sich eines auszusuchen, um mit ihm zu üben. "Was sind die besonderen Vorlieben, Abneigungen der Pferde, ihre Wünsche?" lauteten diesmal die zu stellenden Fragen. Niemand von den Teilnehmern kennt die Pferde, weiß etwas über ihre Herkunft und Eigenschaften. Markus Eschbach-Kindler und seine Fra u Andrea, die Besitzer der Tiere, sind aufgefordert, im Anschluß Stellung zu den Aussagen zu nehmen, ihren Wahrheitsgehalt zu kommentieren.

Auch hier überrascht die Deckungsgleichheit der empfangenen Antworten und ihre Stimmigkeit. Beispielsweise bei Moraleja: ein Pferd, das von Menschen bisher wenig Gutes erfahren hat. Sie ist froh und dankbar, bei Markus gelandet zu sein. Die Stute hat ein Nachholbedürfnis an Streicheleinheiten. Gleichzeitig liebt sie die Ruhe. Trotzdem mag sie Kinder lieber als Erwachsene - denn Kinder, so ihre Botschaft, seien weniger fordernd. Markus und Andrea erhalten durch diese Übung von einigen Pferden Informationen, die auch für sie neu sind. Besonders Andrea ist beeindruckt: "Wenn man zum ersten Mal mit einem Tier bewußt auf telepathischem Weg kommuniziert hat und merkt, wie wirklich dies ist, dann realisiert man plötzlich, was für eine starke Persönlichkeit einem da begegnet!" Unterschiedlich ist die Art der Übermittlung der Botschaften. Manche Teilnehmer bekommen die "Nachrichten" stärker als Bilder, andere als Wortbotschaften oder als Gefühlsempfindungen übermittelt. Die Tatsache, daß mehrere Menschen gleichzeitig mit einem Pferdgesprochen haben, behindert die Qualität der Übertragung offensichtlich nicht. "Die Tiere können ihre Botschaften sehr schnell senden, die Verbalisierung dieser Informationen durch die Menschen dauert viel länger", erklärt Gerber dieses Phänomen. An der Schnelligkeit der Antworten könne deshalb jeder nachprüfen, ob sie von einem Tier kommen oder im eigenen Kopf entstanden seien. Zweifel am "Absender", so
Gerber auf eine entsprechende Frage, seien per se nichts Negatives, sondern auch eine Qualitätskontrolle.


Verblüffende "Aussagen"


In einem nächsten Schritt soll sich jeder ein Tier aussuchen - egal ob es sich dabei um eines der auf der Finca lebenden zehn Pferde, zwei Hunde, vier Katzen oder eine der fünf Enten handelt. An willigen  Gesprächspartnern fehlt es nicht. Da ist beispielsweise Fabiola, eine Fuchsstute. Sie ist mit ihrem Leben auf der Finca Verde offensichtlich zufrieden und auch mit sich selbst, denn sie beschreibt sich als selbstbewußt und souverän. Markus (33) wird später erklären: "Sie ist unsere Prinzessin." Dann erteilt sie der Autorin dieses Artikels ein paar persönliche Ratschläge im Umgang mit Pferden - was zu perplexem Staunen führt,  denn Fabiola trifft den Kern des aktuellen Problems - die Angst der Reiterin vor ängstlichen, unsicheren Pferden. Die Stute erweist sich als Psychologin auf vier Beinen. Auch andere Teilnehmer zeigen sich beeindruckt, vor allem auch von der Offenheit und dem Humor einiger "Gesprächspartner" . Was bei Helen Gerber bei den Übungen positiv auffällt: Sie zwingt die Teilnehmer zu einer sprachlichen Klarheit in der Kommunikation. Und das sowohl, was die eigenen Fragen betrifft, als auch die Qualität der Antworten. Das fällt vor allem beim nächsten Punkt des Seminars auf, beim Dialog mit den eigenen Tieren. Dabei geht es zumeist um Problemlösungen. Die Übung: drei bis vier Personen sitzen zusammen. Eine Person zeigt ein Foto ihres Tieres, die anderen versuchen Kontakt mit ihm aufzunehmen und mit ihm über Ursachen und Lösungen zu reden. Zur allgemeinen Verblüffung funktioniert die Kommunikation auch über ein Foto. In der Abschlußrunde steht fest: Jeder hat sehr viel gelernt. Einige zeigen sich fest entschlossen, auf diesem Weg weiterzugehen. Der heilige Franz von Assisi bekommt neuzeitliche Nachfolger. 

KarinWalz